Die gelungene Anamnese: ein Patientendossier strukturieren, das Sie über Jahre begleitet
In der Anamnese vertraut Ihnen der Patient seine Geschichte an. Gut strukturiert wird sie zum Rückgrat der ganzen Begleitung: Jede Sitzung bezieht sich darauf, jeder Fortschritt wird daran gemessen. Hier ist eine bewährte Struktur, und die Fallen, die Sie vermeiden sollten.
Vom Lymon-Team · 2. Juli 2026 · 6 Min. Lesezeit
Was ist eine gute Anamnese?
Sie ist weder ein Verhör noch ein Verwaltungsformular: Sie ist ein Rahmen, der es Ihnen erlaubt zuzuhören, ohne etwas zu verlieren. Die Struktur dient Ihrer Aufmerksamkeit, nicht umgekehrt. Eine gelungene Anamnese lässt sich vor jeder Sitzung in zwei Minuten lesen und erzählt für sich allein, wo die Person steht.
Eine Struktur in 9 Bereichen, in der Praxis bewährt
- 1. Das Anliegen: warum die Person kommt, seit wann, was sie von Ihnen erwartet. In ihren eigenen Worten.
- 2. Das Lebensumfeld: Beruf, familiäre Situation, Wohnsituation. Der soziale Hintergrund des Symptoms.
- 3. Die Vorgeschichte: frühere und aktuelle Erkrankungen, laufende Behandlungen, Allergien, familiäre Vorbelastungen.
- 4. Die Physiologie, System für System: Schlaf, Verdauung, Ausscheidung, Energie, Schmerzen, Immunsystem, Hormone, Haut.
- 5. Die Lebensweise: Ernährung, Trinkmenge, Bewegung, Entspannung, allfällige Süchte.
- 6. Der emotionale Bereich: allgemeines Befinden, prägende Ereignisse, Stressquellen, Selbstwert.
- 7. Die Konstitution: Temperament, Vitalität, methodenspezifische Beobachtungen.
- 8. Die Ziele: was Sie gemeinsam anstreben, konkret formuliert.
- 9. Ihre ersten Empfehlungen und freie Bemerkungen.
Nicht alle Felder werden in der ersten Sitzung ausgefüllt, und das ist normal. Eine Anamnese lebt: Sie wird im Laufe der Begleitung ergänzt.
Die klassischen Fallen
- Während der Sitzung alles wörtlich mitschreiben: Sie verlieren den Kontakt. Notieren Sie Stichworte und ergänzen Sie gleich danach.
- Aus Prinzip sammeln: Das DSG verlangt, nur zu erheben, was für die Begleitung nötig ist. Ein Feld, das Ihrer Praxis nie dient, hat keinen Platz.
- Lose Zettel: Eine Anamnese, die drei Jahre später unauffindbar oder unleserlich ist, schützt weder den Patienten noch Sie. Ein strukturiertes Dossier, digital oder auf Papier, aber ein echtes Dossier.
- Die erstarrte Anamnese: Ohne Aktualisierung beschreibt sie den Patienten von vor zwei Jahren. Die Folgekonsultationen müssen darauf aufbauen.
Das Ritual, das alles verändert
Zwei Minuten vor der Sitzung: Anliegen, letzte Konsultation und Ziele lesen. Zwei Minuten danach: das Wesentliche festhalten, solange es frisch ist. Diese vier Minuten machen den Unterschied zwischen einer Begleitung, die sich von Sitzung zu Sitzung vertieft, und Konsultationen, die jedes Mal bei null beginnen. Ihre Patienten spüren das sofort.